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Im APX finden das ganze Jahr über Ausgrabungen statt. Ihre Ergebnisse bereichern unser Bild von der römischen Stadt mit immer neuen Mosaiksteinen. Sie bilden die Grundlage der Rekonstruktionen im Park und der Ausstellung im LVR-RömerMuseum.
Immer die Kelle zur Hand, das wichtigste Grabungswerkzeug.
Die Colonia Ulpia Traiana ist nördlich der Alpen die einzige größere Römerstadt, die seit der Antike kaum überbaut wurde. Ihre Überreste liegen heute nur wenige Zentimeter unter den Wiesen des APX und sind somit gut zugänglich für die Forschung. Diese Situation macht Xanten zu einem Forschungsstandort von internationalem Rang: Nur hier besteht die Möglichkeit, eine ganze römische Stadt zu untersuchen.
Bislang sind knapp zwanzig Prozent der Colonia durch Grabungen erfasst. Diese Zahl klingt zunächst wenig beeindruckend, ist allerdings vielfach höher als an anderen Römerorten wie Köln oder Trier, wo die römischen Schichten im Laufe der Jahrhunderte viel stärker überlagert wurden - oder bereits zerstört sind. Letztlich bedeutet aber sogar eine moderne Ausgrabung immer auch eine Zerstörung archäologischer Substanz. Deshalb greift man insbesondere in Xanten nur sehr behutsam in den Boden ein und dokumentiert alle Spuren des römischen Lebens peinlich genau.
Den Besucherinnen und Besuchern stehen mehrere Wege zu einem Besuch der Ausgrabungen im APX offen. Die Römischen Wochenenden bieten regelmäßig die Gelegenheit, an einer offenen Führung über eine aktuelle Grabung teilzunehmen. An den vier jährlichen Terminen von „Grabung live" gräbt sogar das gesamte Team vor Publikum und führt alle Schritte einer modernen Ausgrabung hautnah vor. Zusätzlich besteht jederzeit die Möglichkeit, eine fachkundige Führung über die Ausgrabungen zu buchen.
Die aktuellen Ausgrabungen des APX stehen überwiegend im Zeichen von Baumaßnahmen. Besonders im Umfeld des neuen LVR-RömerMuseums mussten viele kleinere Flächen untersucht werden, bevor dort Kabelgräben, Sickerschächte und dergleichen angelegt werden konnten. Etwas größere Grabungsflächen sind unweit des Museums auf Insula 18 und im neuen Parkbereich auf Insula 6 Arbeit. Sie versprechen spannende Erkenntnisse über die römische Stadt.
Seit dem Jahr 2005 gräbt das Team des APX in einem zentralen Bereich der Colonia auf Insula 18, um den Boden für den Bau einer stattlichen Trafostation für das LVR-RömerMuseum zu bereiten. Wie in Xanten üblich, stieß man bereits knapp unter der Grasnarbe auf römische Schichten. Überrascht haben dabei die massiven Überreste von mehreren massiven Mauern aus Grauwacke, die sich bis zu einer Höhe von 2,70 Metern erhalten haben. Angesichts ihrer enormen Breite von über 1,50 Meter war sofort klar, dass es sich hierbei um die Grundmauern von römischen Bauten handeln muss, die enorme Ausmaße hatten.
Bereits 1999 war bei Ausgrabungen in der nahen Siegfriedmühle ein kurzes Stück einer ganz ähnlichen, parallel verlaufenden Mauer freigelegt worden. Höchstwahrscheinlich gehören beide Mauerzüge zu ein und demselben, außerordentlich großen römischen Baukomplex. Auch wenn noch völlig unklar ist, um welche Großbauten genau es sich hier handelte, wächst das Wissen über diesen bislang wenig erforschten Bereich des römischen Stadtzentrums mit jedem weiteren Schritt.
Der Blick in die tieferen Schichten wird erschwert durch Bodeneingriffe von Menschen, die bereits in römischer Zeit anfingen, ältere Mauern aus dem Boden auszuräumen, um die Steine andernorts wiederzuverwenden. An solchen beim Steinraub durchwühlten Stellen sind die älteren Siedlungsreste oftmals unwiederbringlich verloren. Die Ausbruchsgräben, die sich als Verfärbung im Boden abzeichnen, zeigen immerhin sehr deutlich, dass hier, unter dem Zentrum der Colonia, bereits in früherer römischer Zeit eine erhebliche Bautätigkeit einsetzte.
In den untersten Schichten der Ausgrabung auf Insula 18 fanden sich die Reste mehrerer zerstörter Brandgräber und zwei Urnengräber aus der zweiten Hälfte des 1. nachchristlichen Jahrhunderts. Einige schmalere Mauerfundamente aus der gleichen Zeit können vorläufig nur vage als Reste von möglichen Grabbauten gedeutet werden. Weil die Toten nicht innerhalb, sondern nur außerhalb der römischen Siedlungen bestattet werden durften, geben diese Gräber zugleich einen Hinweis auf die westliche Begrenzung der vorcoloniazeitlichen Siedlung.
Seit 1998 findet auf dem Gelände von Insula 34 die Internationale Archäologischen Sommerakademie statt. Im Jahr 2008 kam eine neue Grabungsfläche in Insula 38 hinzu. Jeweils im Sommer graben hier alljährlich dreißig Studierende aus ganz Europa die Überreste von mehreren römischen Wohnhäusern aus, in denen im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. römische Handwerker mit ihren Familien lebten.
In den Häusern konnten Wohnräume und auch Werkstätten von Handwerkern ausgegraben werden. Dabei kamen Schlackestücke und Schmelzreste zutage, die auf die Werkstatt eines Bronzegießers schließen lassen. Dass sein Geschäft recht einträglich war, belegt der ebenfalls ausgegrabene hintere Wohnbereich des Hauses, der mit einer Fußbodenheizung ausgestattet war – schon damals ein Luxus, den sich nur die Wohlhabenderen leisten konnten.
Ein großer Hof zwischen den Häusern stellte sich als besonders interessant heraus, weil hier nicht weniger als fünf Brunnen zum Vorschein kamen. Sie waren nicht gleichzeitig, sondern nacheinander in Betrieb, manchmal vielleicht nur für einige Jahre. Für die heutige Archäologie sind die metertiefen Brunnenschächte ein wahrer Schatz, weil sie in römischer Zeit mit allerhand Abfällen des täglichen Lebens gefüllt wurden, sobald sie unbrauchbar geworden waren.
In den tieferen Schichten unter dem Hof und den angrenzenden Räumen wurde eine archäologische Kuriosität freigelegt: ein Kiesweg, dessen Oberfläche hauptsächlich aus tausenden von Rinderknochen bestand – offenbar die Abfälle einer spezialisierten Schlachterei. Der Unterbau dieser ungewöhnlichen Straße bestand aus sandig-lehmigen Schichten, die wiederum auf einer Schicht aus verbranntem Lehm aufgebracht waren. Vermutlich planierte man dieses verbrannte Material, das von einem älteren Schadenfeuer in der näheren Umgebung stammen dürfte, ganz bewusst zum Ausgleich einer Bodensenke auf. Recycling ist keine Erfindung der Neuzeit.
In den tiefsten Schichten wurden schließlich mehrere Brand- und Körpergräber entdeckt. Ihre Beigaben datieren ungefähr in das zweite Viertel des 1. Jahrhunderts oder etwas früher. Genau wie einige andere Gräber, die bei früheren Kampagnen unter dem coloniazeitlichen Hofbereich beobachtet wurden, machte ihr Zustand deutlich, dass hier massive Bodeneingriffe stattgefunden haben müssen. Die Urnen waren verlagert und teilweise zerstört, die Scheiterhaufenreste über eine größere Fläche verteilt. Zusammen mit einem einzelnen menschlichen Schädel, der in deutlich höherer Lage zutage trat, belegen sie großflächige Erdverlagerungen vor der Anlage des Hofes. Viel Pietät haben die Menschen beim Bau ihres Wohnviertels über den Gräbern früherer Generationen offenbar nicht walten lassen.
2008 begannen Ausgrabungen im römischen Wohnviertel auf Insula 38. Hier finden auch die Grabungsführungen des APX statt. An dieser Stelle unmittelbar neben den Herbergsthermen waren zuvor geophysikalische Untersuchungen mittels Bodenradar durchgeführt worden, die auf ein kleinteiliges Raster von Mauerzügen schließen ließen. Dieses für die Wohnbebauung der Colonia typische Bild bestätigte sich bereits in den obersten Schichten der Ausgrabung. Im vorderen, zur Straße gelegenen Bereich fanden sich zwischen den Mauern auch die Reste einer Herdstelle und eine kräftige Konzentration von römischen Scherben. Im hinteren, zum Inneren der Insula gelegenen Bereich fehlen hingegen alle Bauspuren. Dort könnten Gärten oder kleine Ställe gelegen haben, die mit archäologischen Mitteln nur schwer nachzuweisen sind.
